von Barbara Straub
4.5.2001
Das Thema dieser Ausstellung, zu deren Eröffnung Sie sich heute abend hier eingefunden haben, lautet - Begegnugen3. Die hochgestellte 3 weist in den Bereich der Wissenschaft, der Mathematik. Die Exponate, denen wir begegnen, sind Skulpturen und somit raumgreifende, dreidimensionale Kunstwerke. Auf drei Aspekte der Betrachtungsweise soll die Begegnung mit Kunst hindeuten.
Zum ersten begegnen sich Kunst und Wissenschaft:
Die Skulpturen der Bildhauerin Maria Munz-Natterer, die in dieser Magistrale und auch im Foyer des Lehrstuhls ausgestellt sind, wurden aus filigranem Draht geschaffen, sind meist durchsichtig, zum Teil aber auch mit einer zarten Haut aus Papier beschichtet. Es sind Menschengestalten, etwas überlebensgroß, auch Torsi haben sich dazugesellt.
Alle Skulpturen haben ihren bisherigen Standort oder das Atelier der Künstlerin verlassen, um für zwei Wochen in wissenschaftlichem Ambiente zu verweilen. Die Kunstwerke stehen jetzt ortsbezogen, denn es begegnen sich Kunst und Wissenschaft.
Angehörige und Studenten der TU München, insbesondere die Mitarbeiter des Lehrstuhls für Thermodynamik, die in den angrenzenden Räumen arbeiten, werden in den kommenden zwei Wochen täglich Gelegenheit haben, die Exponate zu sehen und sich ihre ganz persönlichen Gedanken über die Kunstwerke zu machen. Ermöglichen doch diese Skulpturen Assoziationen zu Gedankengerüsten, aus denen sich Kunst und wissenschaftliche Arbeit gleichermaßen entwickeln. Es lassen sich auch Bezüge herstellen zum technischen Werkstoff mit dem hier im Labor eines Wissenschaftlers wie auch im Atelier der Bildhauerin die materielle Grundlage für ein künstlerisches Werk oder eine experimentelle, wissenschaftliche Arbeit geschaffen wird. Es findet Begegnung statt.
Es begegnen sich nicht nur Kunst und Wissenschaft, es begegnen sich - und das ist der 2. Aspekt der Ausstellung - auch Menschen, die Kunst betrachten wollen, die Bereitschaft zeigen, sich auf ein Werk einzulassen. Die Werke wollen wahr genommen werden und indem wir dem Wunsch der Werke entsprechen, folgen wir der Intention der Künstlerin. Aus der Betrachtung soll die Auseinandersetzung mit einer Idee werden. Die Skulpturen von Maria Munz-Natterer wollen auch mit den Menschen kommunizieren. Der Betrachter soll bei seinem Weg durch die Ausstellung innehalten, sich Zeit nehmen und in Dialog mit dem Kunstwerk und über das Kunstwerk treten. Fragen sollen gestellt, Meinungen ausgetauscht, Gespräche angeregt werden. Wieder findet Begegnung statt.
Der dritte Ansatzpunkt für Begegnung, liegt im Kunstwerk selbst, das es zu interpretieren gilt. Bevor ich auf diesen Aspekt eingehe, lassen Sie mich einige Worte zur Vita der Künstlerin sagen:

Maria
Munz-Natterer wurde in Dietmannsried im Allgäu geboren, heute
arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in Niederneuching bei
Erding. Nach Bildhauerlehre und Besuch der Kunstgewerbeschule
München, absolvierte sie ein Studium an der Akademie der
Bildenden Künste m München und war Meisterschülerin
bei Professor Toni Stadler. Schon mit 30 Jahren nahm Frau
Munz-Natterer an der "Großen Kunstausstellung" im Haus der
Kunst in München teil. Seit 1958 zeigt sie ihr Werk auch in
Gruppen- und Einzelausstellungen im In- und Ausland. Sie schuf
Auftragsarbeiten für den sakralen Bereich z.B. einen Taufbrunnen
für die Kirche St. Helena in Müchen, eine Bronzetüre
für St. Josef in Holzkirchen, und sie schuf auch Freiplastiken
für den Öffentlichen Raum: in Erding z.B. den
Flötenspieler vor der Kreismusikschule und die Große
Stehende im Landratsamt. Das Material, mit dem die Künstlerin
arbeitet, ist sehr oft Bronze, aber auch Ton, Gips, in jüngster
Zeit häufig Draht. In dieser Ausstellung zeigt Maria
Munz-Natterer aus ihrem Werk Drahtskulpturen und Arbeiten aus Draht
mit Papier. Zentrales Thema der Bildhauerin ist der Mensch, sowohl
als Einzelner, in der Begegnung mit anderen, auch als Teil einer
Gruppe. Das Spiel mit der Zahl 3 kehrt immer wieder. Oftmals
gehören drei Personen zusammen, eine Familie, Eltern mit Kind,
werden als Gruppe gezeigt, oder auch drei Torsi. Die Figuren sind -
wie schon erwähnt - meist etwas überlebensgroß,
wachsen ohne Sockel aus dem Boden, wirken statisch und drücken
doch innere Bewegtheit und Emotion aus. Um sich nun dem
Verständnis dieser Kunstwerke zu nähern, ist es hilfreich
zu wissen, daß sich für die Bildhauerin die Idee zur
Verwendung des filigranen Drahtes als Material für ihre Kunst
aus der Betrachtung von Graphik ergab. Aus zweidimensionaler
Zeichnung wollte sie dreidimensionale Plastik aufbauen. Um die linear
dargestellten Menschen auf einem Kupferstich oder einer Radierung
begreifbare Form werden zu lassen, war Draht das ideale Material
für die Künstlerin. Es entstand aus Zeichnung - Form im
Raum. Das Bild wurde monumental. Wir begegnen Skulpturen, die im
Umschreiten von allen Seiten betrachtet werden
können.

Oben
im Foyer werden wir Skulpturen sehen, durch die man hindurchschauen
kann. Man erkennt die Vorderseite, spürt das Volumen und auch
die Rückseite ist noch mit demselben Blick erfassbar. Alles wird
durchsichtig, ist gegenwärtig; alles liegt offen. Und trotzdem
sind diese Figuren von Maria Munz-Natterer nicht offen für
einander. Obwohl sie sich begegnen, stehen die Dargestellten blicklos
nebeneinander, bezugslos steht jede Skulptur für sich allein und
zeigt sich als ein fragiles, sensibles Etwas, verletzbar, sein
Inneres angreifbar. Auf einfühlsame Weise werden so Situationen
und Verhaltensmuster unserer Zeit dokumentiert. Maria Munz-Natterer
zeigt ihre Betroffenheit über den Menschen im Alltag unserer
Gesellschaft, der allein in der Masse ist, der dem anderen begegnet,
ohne ihm nahe zu kommen, der mit sich selbst beschäftigt ist und
meistens nicht auf andere zugeht.
Dargestellt werden aber auch Menschen, die sich im Vorübergehen begegnen und denen man ansieht, daß sie irgendwie zusammengehören - gleicher Umriss, gleiche Größe, gleicher Schritt. Werden sie sich einander zuwenden? Oder eilt jeder seinen Weg fort? Die Künstlerin wählte für diese Darstellung jenen entscheidenden Moment, der entweder auf die Vergangenheit zurück oder auf die Zukunft vorausweisen kann. Der Betrachter hat den Spielraum, die dargestellte Handlung mit schöpferischer Phantasie fortzusetzen.

Bei
dem Liebespaar hingegen ist die Situation eindeutig. Mann und Frau
geben "im Augenblick" zu erkennen, daß sie zusammen
gehören. Einigkeit und Gemeinsamkeit werden gezeigt.
Wenn die Künstlerin bei diesen Kunstwerken, ihre Skulpturen mit einer dünnen Haut aus Papier umgibt, greift sie auf ihr ureigenes Metier, das Bildhauerische zurück.
Wählt die Bildhauerin den Torso - als Darstellungsform für die künstlerische Aussage - ist dieser Torso keineswegs als unvollständige oder ergänzungsbedürftige Statue zu betrachten. Mit beabsichtigter Reduktion will Maria Munz-Natterer auch hier Wesentliches im Menschenbild offenlegen. Jede Figur für sich ist ein anschaulicher Denkgegenstand.

Wir
können und sollen eigene Gedanken in die Kunstwerke hineinlegen,
jedes Kunstwerk provoziert geradezu gedankliche Kreativität.
Trotzdem hat der Betrachter die Freiheit, eine Skulptur einfach als
schön, von elegantem körperlichem Schwung oder mit
sinnlicher Präsenz auf sich wirken zu lassen.
Blickpunkt und Wegweiser zum Foyer des Lehrstuhl, in dem die Mehrheit der Kunstwerke ihren Platz hat, ist diese Skulptur, die Sie am Fenster sehen. Es ist das jüngste Werk der Künstlerin, eigens für diese Ausstellung geschaffen. Ein Torso, der sich im Flug erhebt. Maria Munz-Natterer nennt ihn Ikarus. Gedanklich werden wir vordergründig in das Reich der Mythologie entführt. lkarus erhob sich in die Lüfte, er flog der Sonne entgegen. Sein Vater Dädalus, wohl der erste uns bekannte Ingenieur und der kunstreichste Mann seiner Zeit, hatte mit erfinderischem Geist die Natur überwältigt und für sich und seinen Sohn Flügel konstruiert. Gemeinsam starteten sie zum Höhenflug, um irdischer Gefangenschaft zu entfliehen. Mit dieser in ein Kunstwerk implizierten Ingenieursleistung schließt sich der Kreis der Begegnung von Kunst und Wissenschaft. Bezogen auf die in diesem Haus ersonnenen Ingenieursleistungen, können wir - bei dem hier anwesenden geistigen Potenzial - den Absturz des Ikarus getrost außer Betracht lassen. Erfreuen wir uns an seinem Höhenflug, wie auch an allen anderen Exponaten.
Die Künstlerin, Frau Maria Munz - Natterer, wird für uns in der Ausstellung anwesend sein und ist jederzeit zu einem Gespräch vor ihren Werken bereit.
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